Unser USA/Kanada-Foto-Tagebuch, Teil 2:




"...doch ob ich stolz bin...la la la...!"

Samstag, 19.10.: New York/Toronto

Unsere Unlust, Manhattan nach nur einer Nacht bereits wieder verlassen zu müssen, ist sowohl durch die Vorfreude auf Kanada als auch durch die Aussicht, schon in der nächsten Woche mindestens eine weitere Nacht in NYC zu verbringen, weitgehend unter Kontrolle. Auf dem Plan steht heute die Reise nach Toronto.
Während Erik, Sari und Clemens fliegen, machen sich Eddi, Ferenc und Dän mit dem Auto auf den Weg. Dieses Auto zu bekommen, stellt zuvor allerdings noch eine knapp einstündige Herausforderung dar, denn bei der Avis-Autovermietung in Manhattan ist leider das totale Chaos ausgebrochen. Man hat, kurz gesagt, mehr Autos vermietet, als man zur Verfügung hat. Und das kann nicht funktionieren. Unter den bis auf die Straße in einer Schlange stehenden, reisewilligen New Yorkern ist "fucking shit!" noch einer der höflicheren Kommentare zur Situation.


"Living in the Dienstleistungs-Paradise...la la la!" - in diesem Kundenservicesuchbild haben wir einen fröhlichen Dän versteckt.

Mithilfe eines kaffee-ähnlichen Getränks von "Cosi", das jedoch die Spitzenposition von "Starbucks" innerhalb unserer internen Fast-Coffee-Hitliste dramatisch bestätigt, und dank unserer unglaublichen inneren Gelassenheit überstehen wir jedoch auch diese Verzögerung.


"Blindflug" - Autofahren mit Ferenc und Eddi ist kein Zuckerschlecken!


Spontane Choreografieprobe mit Vogelscheuche an einer Rest Station.

Durch den Staat New York führt uns die 450 Meilen weite Reise an einem grauen, kalten Tag zunächst in die Nähe der kanadischen Grenze. Es ist bereits dunkel, als wir an den Niagarafällen vorbeikommen.


Die Niagaras, kurz, bevor sie fallen.

Wir verzichten zur gegenseitigen Schonung auf den Kalauer, dass die Niagarafälle ja immer noch ungelöst seien, und schauen uns dieses eher touristische als natürliche Spektakel aus der Nähe an. Nicht nur über die wenig dezent in die Landschaft geknallten Hotels, Casinos, Restaurants und sonstigen "Attraktionen", sondern auch über die Tatsache, dass die an sich wirklich überwältigenden Wasserfälle nachts knallbunt angestrahlt werden, kann man sicherlich diskutieren. Trotzdem: Ein beeindruckendes Naturschauspiel. Wir loten noch die begrenzten nacht-technischen Möglichkeiten unserer Digitalkamera aus und fahren weiter.


Kein LSD-Trip, sondern Ferenc vor den bunt angestrahlten Niagarafällen.

Toronto ist eine Stadt, die Europäisches und Nordamerikanisches verbindet. Die Wolkenkratzer sind ebenfalls beeindruckend hoch, stehen aber nicht so geballt zusammen wie in Manhattan. Und mittendrin entdeckt man immer wieder kleinere, für hiesige Verhältnisse historische Gebäude, die geradezu niedlich wirken – z.B. die "schottische" St-Andrews-Church in der King’s Street.

Wir checken im Hotel ein ("Comfort Suites") und gönnen uns ein flottes asiatisches Abendessen bei "Ho Lee Chow" (nicht zu verwechseln mit "Holy Cow"). Dann fahren wir mit dem Taxi downtown und treffen die anderen drei in einer Bar namens "Fez batic". Dort läuft Housemusik beinahe in Club-Lautstärke. Wir genießen den Abend; die Musik knallt, ist aber gut – vor allem für unseren House-Fetischisten Erik, der später mit Eddi und Sari sogar noch eine mittelkesse Sohle aufs Parkett legt – und auch die Leute sind sehr nett.

Erik hat inzwischen ein saublödes Spiel eingeführt, das er wohl in seiner Kindheit in Schwaben gelernt haben muss und das sich in Sekundenschnelle bei uns festsetzt: Wenn einer von uns mit Daumen und Zeigefinger (oder mit den Armen) einen Ring formt und jemand anderes versehentlich durch diesen Ring hindurch schaut, darf er von ersterem auf den Arm geschlagen werden. Die Stelle muss jedoch zunächst mit einem Kreuz "markiert" und der Schlag hinterher wieder "abgewischt" werden; geschieht dies nicht, darf das Opfer nach gleichen Regeln zurückschlagen.


Erik Sohn ist "der Herr der Ringe"

Falls sich jetzt jemand fragt, wann wir mal erwachsen werden wollen: Diese Woche sicherlich nicht mehr.

Gegen Ende des Abends kommen wir noch mit einer Gruppe Law Students ins Gespräch, die dem Klischeebild vom deutschen Jurastudenten nicht entsprechen. Es wird eine nette Unterhaltung.


In fremden Kneipen in fremden Ländern sollte man sich möglichst unauffällig verhalten.

Es ist schon nach zwei, als wir zum Hotel laufen. Am nächsten Morgen werden wir in den Nachrichten hören, dass es kurz nach unserem Heimweg zwei Schießereien gegeben hat, die wir bei einem etwas späteren Aufbruch wohl noch hätten miterleben „dürfen“. Das erhöht nicht gerade unsere Vorfreude auf Washington, wo immer noch der "Invisible Sniper" sein Unwesen treibt. Amerikas Schattenseiten...

Sonntag, 20.10.: Toronto

Wichtig ist natürlich, einmal auf dem CN-Tower von Toronto gestanden zu haben. Mit 550 Metern ist er das höchste Gebäude der Welt.


Es ist aber auch wichtig, einmal unter dem CN-Tower gestanden zu haben.


Eriks Fotografiekünste erreichen geradezu sensationelle Dimensionen.

Also, wie gesagt: Höchster Turm von Welt. Das behauptet zumindest die Dame im Lift. Wir rätseln noch, ob es nicht irgendwo in Hongkong, Kuala Lumpur oder sonstwo noch was Höheres gibt.
Doch oben angekommen, genießen wir lieber die Aussicht über den Lake Ontario, einen der fünf großen Seen Nordamerikas. Wir haben Riesenglück mit dem Wetter: Die Sonne scheint, unter uns starten und landen Sportflugzeuge, der Ausblick aus dem rotierenden Restaurant ist genial. Unsere Physiker Clemens und Sari diskutieren darüber, ob man die Krümmung des Horizontes aus dieser Höhe bereits wahrnehmen kann – da kommt zum Glück schon das Essen.


Die hohe Kunst des Genießens:


Schnell abbeißen...


...und wieder rausgucken!


Ein (von hier oben) unverstellter Blick, viele Meilen weit...


...und dazu eine Cola mit chlorhaltigen Eiswürfeln.

Das nachmittägliche Konzert im Goethe-Institut Toronto in einem Mini-Kinosaal (mit 80 Zuschauern rappelvoll) läuft trotz trockener Akustik erstaunlich gut. Wir bekommen Standing Ovations und singen als Extra-Zugabe „What a wonderful world“ von Louis Armstrong. Eriks Einsingen zuvor war für uns wie immer Gold wert. Ohne das hätten wir uns vielleicht schon öfters heiser gesungen.
Wer hatte eigentlich die Idee, uns an einem Sonntagnachmittag um 15 Uhr singen zu lassen? Egal, sie hat einen Riesenvorteil: Der Abend steht uns zur freien Verfügung! Das erleben wir sonst selten, unsere Konzerte in Deutschland sind meistens nicht vor 22:30 Uhr zu Ende.


Toronto macht glücklich.

Und diesen freien Abend nutzen wir mal wieder ausgiebig. Mit einer ganzen Horde von Kanadierinnen und Kanadiern ziehen wir ins Restaurant „The Loose Moose“ („der freizügige Elch“). Dort lassen wir es uns gutgehen: Auch in Kanada scheinen wie in den USA die Portionen groß und die Bedienungen superfreundlich zu sein. Wenn es jetzt noch Kölsch gäbe...

Später besuchen wir den Jazz-Club „Top of the Senator“ und hören das „Brian Hughes Quintet“ aus Los Angeles. Die Atmosphäre ist eigenartig: Manche Gäste sind recht vornehm gekleidet; es herrscht Rauchverbot, und zwischen den Stücken herrscht nach einer kurzen Applaus-Phase Stille im Auditorium wie bei einem Klassikkonzert. Auch musikalisch ist es nicht ganz unser Ding; wir verlassen den Club nach 45 Minuten. Däns Kommentar: "Das Brian Hughes Quintet hat nur ein Problem: Brian Hughes." In der Tat, auch Erik und Eddi sind sich einig: Wenn man den Bandleader geknebelt und in einen Nebenraum gelegt hätte, und den vier anderen Musikern zehn Jazz-Standards vorgelegt hätte, hätten wir einen wunderbaren Abend verbringen können. Brian scheint einfach ein bisschen zu sehr von sich selbst eingenommen zu sein und hat außerdem einen etwas faden Musikgeschmack (Erik: "Fahrstuhlmusik"). Schade! Trotzdem: Ein wunderbarer Tag.

Montag, 21.10.: Toronto/Montreal

Nach einer wieder einmal besonders tiefen, diesmal aber auch langen Nachtruhe teffen wir uns um halb zehn in der Hotellobby und packen unser gesamtes Gepäck – das offensichtlich immer umfangreicher wird – irgendwie in den Van; dann begeben wir uns zunächst zum Eaton Center. Dieses riesige Einkaufszentrum im Herzen Torontos ist auch ein starker Magnet für Touristen, wofür wir ja das beste Beispiel sind.
Es wird wieder geshopped, obwohl unser Lederjackenbedarf vorerst gedeckt ist. Das Jeanslängen-Problem wird immerhin von Erik bewältigt; er findet endlich eine passende Levis. Wieder einmal will eine Verkäuferin Däns und Eriks Körpergröße wissen. Hoffentlich glaubt niemand, wir könnten Basketball spielen.

Zur Belohnung für den erfolgreichen Jeanskauf gibt es einen Cheeseburger bei "Harveys". Der Clou dabei ist die Möglichkeit, sich diverse Saucen, Gurken, Tomaten, Salat, Zwiebeln etc. ohne Aufpreis individuell zusammenstellen zu lassen. Your personal cheeseburger, sozusagen. Der Sinn eines anderen Prinzips, das für sämtliche Fast-Food-Ketten Nordamerikas zu gelten scheint, hat sich uns hingegen immer noch nicht erschlossen: Seinen Softdrink – Cola, Sprite, 7Up, Wasser – kann man sich kostenlos und so oft man will selbst nachfüllen. Aber warum ist ein großer Becher dann teurer als ein kleiner? Vielleicht, weil man seltener aufstehen muss, wenn man sich ein paar Liter reinzupfeifen beabsichtigt? Dann wäre es also gewissermaßen ein Zuschlag für die Dienstleistung des Nicht-Aufstehen-Müssens.


"Liebst Du mich noch? Darf ich mir noch 'ne Jeansjacke kaufen? Wer hat die Tore für den FC geschossen?"

Mittags setzen wir uns in Bewegung in Richtung Montreal. Es ist "Indian Summer" in Kanada. Bei kaltem, aber strahlenden Herbstwetter haut uns die Farbenpracht der in der Sonne noch kräftiger leuchtenden Bäume beinahe aus den Sitzen ("Ey, die Farben sind doch nicht mehr normal!" – Eddi).


Der Dodge ist halt zu sechst etwas schmal, deshalb gehen wir uns in den Pausen...


...immer sofort aus dem Weg.


Kurzfristig kommt es zur Hochzeit zwischen Clemens und Sari, die schon seit ein paar Tagen in der Luft gelegen hatte. Pastor Ferenc segnet jedoch versehentlich die Trauzeugen; die Ehe ist ungültig.


Trotzdem machen wir noch ein Bild für die beiden Fast-Schwiegermütter.

Kurz vor Montreal machen wir Pause an einer echten Trucker-Raststätte. Alles ist fleischgewordenes Klischee: Richtig "harte" Männer, fast alle rauchen, was absolut ungewöhnlich ist (man denke an den Jazz-Club); es gibt Zeitschriften, allerdings ausnahmslos Herrenmagazine, und zur Zerstreuung kann man sich an Spielautomaten vergnügen. Auto-Rennspiele. Der Trucker an sich sucht nach zehn anstrengenden Highway-Stunden offenbar Entspannung bei einem Auto-Simulationsspiel.
Wir auch: Man muss mit einem Feuerwehrauto, Krankenwagen, der Präsidentenlimousine oder wahlweise einem Panzer zu dringenden Spezialaufträgen eilen; Rücksicht auf Verluste unerwünscht. Der während der Hetzjagd angerichtete Schaden wird dabei in Dollar fortlaufend oben links eingeblendet. Sari stellt bei seiner zweiminütigen Fahrt mit über 1.000.000 $ den bandinternen Tagesrekord auf.

Wir erreichen Montreal am Abend. Es wird überall überdeutlich, dass wir uns jetzt im französischsprachigen Teil Kanadas aufhalten: Sogar auf den traditionellen STOP-Schildern steht "arret". Später erfahren wir, dass beispielsweise Restaurants ihre Menüs laut Gesetz zweisprachig auszeichnen müssen, dass dabei das Französische aber größer gedruckt werden muss. Die meisten Angestellten können aber mindestens bruchstückhaft auf Englisch kommunizieren.

Die Fahrt war lang und unser Miet-Van für sechs Personen mit Monstergepäck nicht gerade riesig. Unser Hotel liegt an der Rue St.Denis, wo man Restaurants aus vermutlich buchstäblich allen Ländern der Erde findet. Dass wir uns auf einen Italiener einigen, zeugt nicht gerade von großer Experimentierfreudigkeit, aber das soll am nächsten Tag nachgeholt werden.


Beim Italiener: Eddi und Clemens (v.l.n.r., untere Reihe).

Die Einrichtung, eine Mischung aus italienisch, Halloween und Kirmes, beeindruckt uns genauso wie die Musik: Zunächst Frank Sinatra, später in einer Endlosschleife venezianische Gondolieri-Musik. Wir bleiben keine Minute länger als nötig.

Die Gruppe teilt sich in eine Hälfte Ins-Bett-Geher und eine "'Nen-Absacker-Noch"-Fraktion, bestehend aus Erik, Ferenc und Dän.

Unglaublich ist die Zahl der Bettler, die einen auch am Tisch um "change" bittet; in dieser Ecke von Montreal gibt es auch viele Kleindealer und Punks, die ungefragt die meist ohnehin schon vollkommen sauberen Autoscheiben der an Ampeln wartenden Fahrzeuge waschen.

Die drei Nachteulen landen zunächst in einer finsteren, versifften Tekkno-Kneipe, die, weil Montag, fast völlig leer ist. Als wir unsere plötzlichen, immer heftiger werdenden Suizidgedanken registrieren, ziehen wir weiter. Direkt nebenan liegt eine Bluesbar. Eine dreiköpfige Band spielt live, laut und schnell; Erik vermutet, wir würden soeben Zeugen der Erfindung einer neuen Musikrichtung namens "Speedblues". Aber die Band hat so viel Spaß am Musizieren, dass der Unterhaltungsfaktor hoch ist, obwohl Papa Speedblues seine Leadgitarre nach jedem Song noch einen Tick lauter stellt; der Bass- und der Drum-Sohn haben keine Chance.

Dienstag, 22.10.: Montreal

Gut geschlafen. Außer Eddi. Was sich am Abend schon abzeichnete, ist eingetreten: Eine Halsentzündung. Eine Konzertabsage, die für uns ja in Deutschland schon problematisch ist, weil Ersatztermine kaum zu finden sind, wäre hier natürlich noch gravierender. Eddi begibt sich sofort zu einem Arzt, was ihn hundert kanadische Dollar in bar kostet, und erhält eine interessante Antibiotika-Dosis: Alle sechs Tabletten soll er sich auf einen Schlag reinknallen, nach dem Essen bitteschön, die Aktion könne den Magen nämlich ein wenig irritieren. Nicht gerade zimperlich, der Doc. Eddi wird den Tag im Hotelzimmer verbringen und abends wieder weitgehend fit sein; einzig der Song "Sing mal wieder" fliegt aus Gründen der stimmlichen Schonung aus dem Programm.


Das ist wohl der "Gründer" der Stadt Montreal ("So, liebe Freunde, lasst uns an dieser Stelle ein Paar Hütten hochziehen; schlage vor, wir nennen die ganze Kiste dann Montreal!").

Während Dän in einem Internet-Café die erfreuliche Meldung vom 2:2 des 1.FC Köln bei Mainz 05 und der damit verbundenen Übernahme der Tabellenführung in Erfahrung bringt, verbringen Sari, Clemens, Ferenc und Erik den Vormittag in Alt-Montreal.


Im Schatten der Moderne.

Die Stadt ist irgendwie schräg. Ein bisschen Kanada, ein bisschen Frankreich, ein bisschen Amsterdam, ein bisschen USA. Letzteres gilt vor allem für die Kathedrale Notre Dame, deren Farbintensität die meisten europäischen Besucher geschmackstechnisch eher verwirren dürfte.


Halleluja, ist das bunt.

Abends wird im Inneren der Kirche gar eine Lasershow abgezogen. Ob man sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen darf, lässt sich nicht klären; wir lassen es uns entgehen.

Mittags treffen wir das Team vom Goethe-Institut Montreal, das uns sehr freundlich empfängt; man hat uns sogar umfangreiches Touristenmaterial zusammengestellt. Zum Lunch werden wir direkt in ein afrikanisches Restaurant in der Nachbarschaft geschleust. Bislang ein ziemlich bunter Multi-Kulti-Tag.


Auf eine Tass Kaff beim Afrikaner um die Ecke.

Die Rue de St.Catherine führt von "unserem" Viertel direkt ins Stadtzentrum. Auf unserem Marsch Richtung downtown stellen wir staunend fest, wie oft die Straße ihren Charakter ändert. Mal Rotlichtviertel, dann Touristenmeile, Kulturstraße (Opernhaus, Museum), schließlich scheinbar alles zugleich. Wir kaufen ein paar Mitbringsel für zu Hause und nehmen nach drei Stunden die Metro zum Hotel, wo wir uns ausruhen.

Um 18:00 Uhr machen wir im Internetraum des Goethe-Instituts eine ausführliche Probe mit Erik.


"Vor dem Singen sollst du Surfen /
aber nur, so lang wir durfen!"

Unser Deutsch geht völlig den Bach runter.



Erik wird sicherheitshalber zum Leibwächter umfunktioniert, um weitere sprachliche Schäden abzuwenden.

Eddi hat einen antibiotikabedingt leicht nervösen Magen, ist aber singfähig. Als um kurz vor acht noch kein einziger Zuschauer vor dem Konzertsaal zu sehen ist, droht das Bauchgrummeln auch auf die Anderen überzugreifen; es stellt sich jedoch heraus, dass die Show erst im 20:30 Uhr beginnen soll. Alles wird gut, die zuschauermäßige Auslastung des Saales liegt beim Konzert am absoluten Limit des gesetzlich Erlaubten.

Im Publikum sind diesmal unter anderem auch viele Fremdsprachen-AssistentInnen aus Deutschland und eine Highschool-Klasse aus Quebec-City, die für unser Konzert eine zweieinhalbstündige Busreise auf sich genommen hat. Auf Anraten des Goethe-Teams beginnt Dän seine Konzertmoderation auf Französisch, um den Zuschauern zu demonstrieren, dass er aus sprachlichen und nicht aus politischen Gründen "in English" und nicht "en Francais" durch die Show führen wird. Es gibt keinen Widerspruch.

Obwohl der Konzertraum akustisch noch schwieriger ist als der in Toronto, attestiert uns Erik hinterher unser bisher bestes Konzert der Nordamerika-Tour. Auch wir Fünf stellen fest, dass sich eine positive Routine im unverstärkten Gesang (wieder-)eingestellt hat, dass uns aber vor allem Eriks Proben unglaublich weiterhelfen. Er kritisiert konstruktiv, in einer immer lockeren, aber konzentrierten Atmosphäre, und gibt Hinweise, die man sofort so umsetzen kann, dass man auch den Unterschied zum vorherigen Durchlauf bemerkt. Erik trifft in jeder Hinsicht und im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton. Das wird sich wohl auch positiv auf unsere regulären Headset-Mikrofon-Konzerte in Deutschland auswirken. Abgesehen davon ist Erik übrigens auch als Leibwächter hervorragend geeignet, um z.B. Sari vor allzu aufdringlichen Paparazzi abzuschirmen.

Nach der Show, bei der wir erneut "What a wonderful World" als letzte Zugabe gesungen haben, gibt es als Afterglow zunächst den traditionellen Weinempfang im Goethe-Institut. Die Schulklasse muss sich wieder auf den Heimweg nach Quebec machen; die Teenager erzählen Dän noch, dass sie die Texte praktisch nicht verstanden haben, dass sie jetzt aber noch fleißiger Deutsch lernen wollen (ja, ja...) und dass wir unbedingt mal in Quebec City auftreten müssen. Dann singen sie ihm noch ein Ständchen mit dem Text: „Ich bin Ausländer und kann kein deutsch, kann kein deutsch, kann kein deutsch, bitte sprich doch langsam, bitte sprich doch langsam, danke schööön!“ vor. Das ist einen Applaus wert.

Schließlich bewegt sich noch ein rund fünfundzwanzigköpfer Tross (nur Eddi geht aus gesundheitlichen Gründen schlafen) in die "P’tit Bar", die ihren Namen nicht ohne Grund trägt. Es dauert eine Weile, bis alle Platz gefunden haben. Was folgt, ist der vielleicht schönste Abend der Tour, (sorry, Eddi...): Die Assistentinnen und Assistenten, Praktikanten und Angestellten des Goethe-Instituts, die DeutschlehrerInnen und überhaupt alle, die dabei sind, erweisen sich als ebenso nett wie unterhaltsam. Ein Chansonnier, wohl schon in den Fünfzigern und vom lieben Gott passender Weise mit unglaublich traurigen Augen ausgestattet, spielt und singt beinahe klischeemäßig melancholische französische Lieder, zwischendurch aber auch immer wieder fröhlichere Chansons, bei denen die gesamte Bar begeistert mitträllert (wobei unsere Textsicherheit allerdings auch bei Evergreens wie „Champs Elysées“ stark zu wünschen übrig lässt). Wenn unsere Unterhaltungen bisweilen zu laut zu werden drohen, bittet die superfreundliche Barkeeperin in breitestem Quebecois-Französisch um Ruhe für den Künstler, was auch umgehend befolgt wird.


Schöne Stimme, traurige Chansons.

Die Zugabe ist schließlich so schwungvoll, dass die Kneipenchefin plötzlich eine fünfminütige Tanzorgie anordnet, zu der auch Clemens und Ferenc beitragen müssen. Die Bar platzt aus allen Nähten. Wer nicht tanzen kann, klatscht den Rhythmus mit.


Die Bar sieht hier größer aus, als sie ist.


Ferenc und Miri, Fremdsprachenassistentin in Montreal.


Sari missachtet vorsätzlich den ebenfalls sozialistischen Grundgedanken des Pitcher-Konzepts.

Schließlich kreist der Hut für den Künstler, und über die Einnahmen des heutigen Tages dürfte er nicht traurig sein. Aus dem Abend wird eine Nacht; als jemand der Barkeeperin erzählt, dass wir eine A-cappella-Gruppe sind, müssen wir auch noch mal ran – natürlich zu viert: „Mädchen lach doch mal“. Dän singt Eddis Stimme, das Mundschlagzeug fällt weg, Textsicherheit, Rhythmik und Intonation sind wohl schon im Hotel, Erik zum Glück auch, so dass wir kein Straftraining zu befürchten haben. Aber die anderen Leute in der "P’tit Bar" sind auch schon fröhlich genug, um unsere Darbietung toll zu finden. Für den Rest der Nacht gibt es Freibier. Clemens zitiert, auf dem Stuhl stehend, noch zwei Gedichte über den "Ritter Fips" von Heinz Erhardt, die von den Assistentinnen freundlicher Weise grob ins Französische übersetzt werden. Als wir im Hotel ankommen, essen die Menschen in Deutschland wohl schon ihr Knoppers.

Gesungen, getanzt und gelacht, die Nacht zum Tag gemacht: Was für eine Nacht!

Mittwoch, 23.10.: Montreal/New York

Die Abfahrt nach New York City haben wir ein wenig nach hinten verschieben müssen, aber heute und morgen sind wir ja ohnehin nur Touristen.

Die folgende Autostrecke ist die mit Abstand großartigste unserer Tour. Direkt hinter der kanadisch-amerikanischen Grenze – die Grenzkontrollen wirken immer noch einschüchternd, wenn man weiß, dass die Zollbeamten einem einen richtigen Scheißtag bereiten können, wenn sie sich danach fühlen (Ferenc) – beginnt das Naturgebiet des Adirondack Park und der Adirondack Mountains.


Pause an einem See im Adirondack Park.

Die sehr bergige Landschaft, die Farbpalette der Bäume im "Indian Summer", dazwischen immer wieder tiefblaue Seen, kleine Flüsse und Bäche: Eine Droge für die Augen. Die "Cruise Control" wird auf automatische 70 Meilen eingestellt; zwischendurch sehen wir im Verlauf von einer Stunde vielleicht drei, vier andere Autos, mit denen wir uns unsere Hälfte des Highway Interstate 87 "teilen" müssen; das Ganze bei unverschämt schönem Wetter.


Die A1 Köln Richtung Hamburg, Freitag, Rush Hour.

Das sind die besten unserer insgesamt per Auto zurückgelegten 2270 Meilen, und nie hatte der Spruch "Der Weg ist das Ziel" mehr Berechtigung als heute. Aber das Ziel heißt trotz aller Schönheit des Weges NYC!

Und New York City hat für uns an diesem Tag etwas Besonderes zu bieten: Wir befinden uns auf dem Weg zur Staten Island Ferry. Denn Sari meint, mit dieser Fähre können wir "für nur 50 cents pro Nase" einmal an der Freiheitsstatue vorbei zur Staten Island fahren und "tolle Fotos von Manhattan machen". Ein Schnäppchen! Da fällt uns auf einmal das folgende Schild auf: "New York Heliport". Und wir stellen uns die Frage: Was würde so ein Helikopter-Rundflug eigentlich kosten?

Keine Viertelstunde später kennen wir die Antwort: Wesentlich mehr als eine Überfahrt mit der Fähre. Aber wird sich jemals wieder so eine Gelegenheit bieten? Manchmal muss eben die Vernunft vom Portemonnaie besiegt werden. Also raus mit der Kohle, und rein in den 'Copter!

Nach dem Einstieg (Eddi und Sari sitzen hinten, Erik und Clemens vorne – Dän und Ferenc verpassen im Hotel diese einmalige Chance) spricht Clemens den Piloten an: "Wenn Sie möchten, können Sie uns gerne zeigen, was die Maschine so hergibt. Wir schrecken vor scharfen Kurven nicht zurück!" Der lässt sich das nicht zweimal sagen. Allerdings auf englisch.

Zuerst zeigt er uns die schönsten Aussichten über Manhattan, die sich uns bisher geboten haben. Straßenschluchten aus der Vogelperspektive – für uns buchstäblich erhebend. Dann wendet er – aber sehr plötzlich, so wie Clemens es anfangs erbeten hatte. Die Maschine steht dabei quasi auf der Seite. Wir juchzen wie auf dem Jahrmarkt. Dann geht es an der Statue of Liberty vorbei, auch hier ist eine scharfe Kurve angesagt. Kurz vor der Landung rutscht uns allen nochmal der Magen bis in den Kehlkopf hoch, denn der Pilot lässt den Hubschrauber so sacken, als wäre der Rotor ausgefallen. Dann bringt er jedoch die Maschine sicher aufs Landungsfeld herunter, und wir steigen glücklich aus. Die nächste halbe Stunde kann sich keiner von uns das glückliche (und leicht dämliche) Grinsen vom Gesicht wischen. Die teuerste Achterbahn der Welt! Das war’s definitiv wert.

Dennoch steht nun ein Besuch bei Ground Zero auf dem Programm. Einige von uns kannten aus früheren New-York-Besuchen das World Trade Center. Aber auch auf die anderen wirkt die große, leere Fläche bedrückend. Schrammen an umliegenden Gebäuden weisen immer noch auf die Katastrophe hin, die ein gutes Jahr zurückliegt. Alle Besucher wirken zurückhaltend, einige haben Tränen in den Augen.

Später ist es dunkel geworden. Noch einmal wollen wir hoch über Manhattan schweben – wir betreten das Empire State Building. Die Warteschlangen sind kürzer als am Tag, aber die Aussicht ist nachts mindestens so beeindruckend. Die Lichter der Stadt reichen meilenweit, die Luft ist klar, der Blick fantastisch. Unter uns brummt der "Big Apple", das Rauschen des Molochs wirkt unaufhaltsam und mächtig, obwohl wir 330 Meter darüber schweben.

Wieder unten: Eine italienische Pizzeria stillt unseren kollektiven Hunger. Zumindest kulinarisch. An einer italienisch-stämmigen Besucherin können wir uns hingegen kaum sattsehen. Sari nimmt einen Schluck Orangensaft und kommentiert ihre langen Beine. Als Erik, sein zwei Meter großer Zimmerkollege, daraufhin bemerkt: "Freu dich doch - lange Beine wirst du heute nacht im Hotelzimmer noch sehen", muss Sari so lachen, dass er ungefähr 35ml Saft homogen über den Tisch vor ihm verteilt. Schön, wie wir Kölner immer wieder einen guten Eindruck im Ausland hinterlassen!

Der Abend endet in der "55 Bar" in der berühmten Christopher Street. Dort tritt die Band "Ballin’ the Jack" auf, die alte Duke-Ellington-Hits neu interpretiert. So neu, dass die Hälfte der ursprünglichen Zuhörer nach einem halben Set die Kneipe verlassen hat. Uns gefällt die Musik, sie scheint jede Menge Humor zu haben. Ein Beispiel? Andere Musiker beenden den Schlussakkord mit einem auffälligen Luftsprung. Der Saxofonist dieser Band lässt lieber einen Klo-Stopfer auf den Boden fallen; im Moment des Aufschlags ist das Stück vorbei. Touché.

Wieder einmal haben wir es verstanden, Arbeit und Urlaub zu verbinden. Was für eine Tour.

Fortsetzung folgt!



 
 
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