Unser USA/Kanada-Foto-Tagebuch Teil 1
Montag, 14.10.: Chicago

Zugreise von Köln nach Frankfurt. Eddi ist nicht müde, sondern frustriert über die Defizite unseres Gesangscoaches Erik Sohn beim Ballerspiel "Apeiron".

Vor dem Abflug versuchen wir, Eddi als Reisegepäck zu deklarieren, damit wir zumindest während des Fluges ein bisschen Ruhe haben.

Eddi hat es doch irgendwie in den Passagierbereich geschafft. Wir füllen ihn mit Rotwein ab.
Ein ausgesprochen ruhiger Flug von Frankfurt nach Chicago. Spaß haben wir beim Ausfüllen der obligatorischen Einreiseformulare: Man wird tatsächlich gefragt, ob man während seines USA-Aufenthalts kriminelle Handlungen plane. Da wir Köln ja keine Schande machen wollen, kreuzen wir nach kurzer Beratung "nein" an.
Große Freude auch, als Ferenc bei genauer Betrachtung seines Reisepasses erstmals feststellt, dass unter der Rubrik "Geschlecht" ein "F" für "female" eingetragen ist. Theoretisch können wir also während unserer Tour die Frauenparkplätze benutzen.
In Chicago gelandet, begeben wir uns erst einmal ins Hotel. Das Goethe-Institut hat im Seneca-Hotel Suiten für jeweils zwei Personen reserviert: Eddi und Sari, Clemens und Erik Sohn, unser Gesangslehrer, sowie Ferenc und Dän teilen sich die großzügigen Räumlichkeiten.
Es ist hier sieben Stunden früher als in Köln. Nachmittags - für uns also schon spät abends - fahren wir mit dem Aufzug in die Skyline-Bar des Hancock-Centers, des zweithöchsten Gebäudes in Chicago - und trinken das, was die Amerikaner (aus welchen Gründen auch immer) als "Kaffee" bezeichnen.

Das Hancock-Center ist ziemlich hoch. Jedenfalls höher als viele andere Gebäude.

Oh, yes! Die Skyline von Chicago.

Auch schön.
Dann laufen wir durch Downtown-Chicago. Plötzlich rufen ein paar Jungs laut: "Da sind die WISE GUYS!". Das passiert uns in Deutschland zwar häufiger, aber ausgerechnet hier in Chicago hätten wir damit nicht gerechnet. Liegt uns Amerika schon am ersten Tag zu Füßen? Nein. Wir wurden "nur" von einem kleinen Trupp des Kölner Domchors erkannt, der zur Zeit ebenfalls in Amerika auftritt. So gibt es ein spontanes Kölner Treffen auf den Straßen von Chicago.

Kölsche Verbrüderungsszenen mit einer Abordnung des Kölner Domchores. Erik muss noch fotografieren üben.
Was für ein Zufall - oder ist es das Schicksal, das uns Kölsche fern der Heimat immer wieder zusammenführt? Wir machen ein paar Fotos zusammen und ziehen weiter.
In einem asiatischen Restaurant sind wir wieder einmal überrascht vom tollen Service und der unglaublich freundlichen Bedienung. Warum erlebt man das zu Hause so selten?
Durch die Stadt laufen wir noch zwei Stunden mit meistens offenen Mündern. Die Wolkenkratzer sind atemberaubend, der Dom würde hier wohl richtig "niedlich" aussehen.

Hier ist Erik offensichtlich unschuldig. Die Passantin hat den Begriff "to focus" offenbar noch nie gehört.

Ferenc macht hingegen echte Foto-Kunst.
Um uns die nötige Bettschwere zu geben, kehren wir noch auf ein Bier in "Joe's Bar" ein. Den Barkeeper schließen wir sofort ins Herz, denn er will tatsächlich von uns allen den Ausweis sehen, ob wir schon einundzwanzig sind. Sogar von Ferenc....
Dienstag, 15.10. Chicago/St.Louis
Frühstück schon um acht Uhr im Seneca-Hotel. Diese eigentlich eher musiker-unfreundliche Zeit stellt dank des Jetlags noch nicht einmal für Dän ein Problem dar.Mit dem Gepäck geht es per Taxi zum Goethe-Institut Chicago. Clemens fragt den islamischen Taxifahrer, ob er die kugelsichere Trennscheibe zwischen Fahrer- und Fahrgastbereich wirklich brauche. „Abends ja“, ist die Antwort, aber Sicherheit sei keine Frage der persönlichen Vorsicht, sondern liege einzig in der Hand des „creators“, des Schöpfers also.
Wir bleiben noch zwei Stunden in Chicago. Ferenc und Sari gehen in das beeindruckende Shedd Aquarium, das direkt am Lake Michigan liegt; Clemens und Gesangscoach Erik Sohn shoppen ein wenig und treffen später Eddi und Dän im Chicago Art Institute. In diesem berühmten Kunst-Museum befindet sich unter anderem das „America Window“ von Marc Chagall.
Dann nehmen wir vorerst Abschied von dieser tollen Stadt. Mit zwei gemieteten PKW fahren wir die 290 Meilen (464 km) nach St.Louis. Bei ungefähr 105 km/h erlaubter Höchstgeschwindigkeit ist die Fahrerei unglaublich entspannt.

Pause bei "Steak 'n' Shake". Wir trinken hier allerdings Kaffee. Vom Genuss gequirlter Rumpsteaks nehmen wir Abstand.
Vielleicht sollten wir dieses Tempo auch mal bei unseren Touren durch Deutschland ausprobieren. Allerdings müssten dann auch alle anderen Autofahrer mitspielen...
Fast noch überraschter als über das gestrige Zusammentreffen mit den Jungs vom Kölner Domchor sind wir, als wir in der Nähe eines Rastplatzes tatsächlich eine funkelnagelneue Filiale von ALDI sehen. Sogar das Logo ist so wie zu Hause. Damit uns das jemand glaubt, schießt Ferenc selbstverständlich ein Beweisfoto.

ALDI goes America. Die Welt wächst zusammen. Und wir sind live dabei.

Eddi vor der Kaffeepause: Nervös und uncool.

Mit Kaffee: Besser. Viel besser.
Morgen steht das erste Konzert auf dem Programm. Wir sind gespannt. Uwe Rieken vom Goethe-Institut hat uns erzählt, dass das Interesse und die Vorfreude riesengroß seien. Er schätzt, dass in St.Louis und am folgenden Tag in Lansing jeweils „locker“ 1000 Zuschauer hätten kommen wollen – Deutschlehrer, -studenten und –schüler, die auch von weit her angereist wären. Leider mussten wir jedoch die Konzertgröße schon im Vorfeld relativ klein halten, da wir aus technischen und organisatorischen Gründen alle sechs Shows der Tour komplett „unplugged“, also ohne Mikrofone machen.
In Deutschland verzichten wir nur noch in Mini-Konzerten wie im Senftöpfchen-Theater (ca.190 Zuschauer) auf unsere Sound-Anlage, die besonders auch für die Bass- und „Mundschlagzeug“-Stimmen sowie für die Textverständlichkeit wichtig ist. Jetzt, auf unserer Nordamerika-Tour, wollen wir aus der Not eine Tugend machen; unsere Live-Techniker sind natürlich zu Hause geblieben, stattdessen ist Erik Sohn, unser Gesangscoach, mit dabei. Wir wollen uns mit ausführlichen Proben gründlich auf die ungewöhnliche Konzertform einstellen.
In St.Louis verfahren wir uns erst mal. Und zwar so richtig. Dadurch kommen wir zu einer ungewollten Stadtrundfahrt. Das Highlight „The Arch“, ein gigantischer Bogen, erinnert uns an die KölnArena. Man kann seine Herkunft halt nicht verleugnen.
Knapp eine Stunde später als nötig treffen wir im Hotel ein. Wir sind hundemüde, aber Erik motiviert uns noch zu einer halbstündigen Probe auf dem Hotelzimmer. Dafür ist er ja schließlich auch dabei....
Mittwoch, 16.10. St.Louis/Lansing
Am Abend waren wir nach einem gemeinsamen Bierchen für schlappe vier Dollar ziemlich schnell ins Bettchen gegangen. Das Hotel in St.Louis hat einen Vor- und einen Nachteil: Leider liegt es direkt am Flughafen, was zwar faszinierend aussieht, wenn man aus dem Fenster schaut, sich aber scheiße anhört, wenn man schlafen will. Toll ist der Pool mit den Palmen, den wir aber mangels Zeit nicht nutzen können. Tour-Schicksal...Um 7:45 Uhr versammeln wir uns zum Frühstück. Larry Marsh vom German Culture Center, der unser erstes Konzert dieser Tour organisiert hat, holt uns ab und fährt mit uns zum Konzertraum, einem großen Seminarsaal in der University of Missouri St.Louis. Die Show beginnt schon um 10:00 Uhr; dem Jetlag sei Dank, fühlt es sich für uns etwas später an. Erik sorgt mit einem ausführlichen Einsingen dafür, dass unsere Stimmen endgültig wach werden.
Das Publikum besteht aus knapp 200 Zuschauern; die meisten von ihnen High-School-Schülerinnen und -Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren. Wir merken schon bald, dass viele textliche Dinge nicht von allen verstanden werden. Manchmal lachen nur die Lehrer und diejenigen Schüler, die offensichtlich ganz besonders gute Deutschnoten haben. Dän macht alle Moderationen ebenfalls auf Deutsch; wegen der sprachlichen Probleme beschränkt er sich jedoch auf möglichst klare, simple Ansagen.

"...wenn Ihr wisst, was ich meine."
Die Stimmung steigt, als wir den „Tekkno“ singen. Dieser uralte Song, den wir bei Konzerten in Deutschland gar nicht mehr im Programm haben, stand hier auf der Wunschliste der Organisatoren. Bei der Stelle „who the fuck is Entchen??!!“ geht ein großes Raunen und Gelächter durch den Saal. Das „F-Wort“ ist hier dermaßen verboten, dass die Schüler natürlich ihre helle Freude haben.
Die Show kommt ins Rollen. Publikumsfavoriten sind „Meine heiße Liebe“ – den Text dieses Songs hatten viele der Schulklassen im Unterricht besprochen - , „Jetzt ist Sommer“ und „Schlag mich Baby noch einmal“, unser Parodie auf den Britney-Spears-Hit „Baby one more time“. Gegen Ende entrollen einige Zuschauer sogar selbstgemachte Transparente (z.B. „Die Wise Guys sind Maddy’s heiße Liebe“). Nach dem letzten Song gibt es geschlossen Standing Ovations vom Publikum. Als Dankeschön für diejenigen Zuschauer, die von den Texten fast nichts verstanden haben, bringen wir „GoldenEye“ als Zugabe. Eddi als Tina Turner macht den Zuschauern ebenfalls viel Spaß.
Nach dem Konzert ist viel los. Fast alle wollen Autogramme, Fotos und ein paar Worte auf Deutsch reden; die Leute sind unglaublich freundlich und sehr begeistert.

Clemens und Sari genießen den Afterglow...

...auf unterschiedliche Weise.

Gruppenbild mit High-School-Klasse (hinten).
Nach einer Stunde kommen wir los. Mit Larry gehen wir in ein griechisches Restaurant und reden schon ein bisschen über die Frage, ob wir vielleicht noch einmal ein größeres Konzert in St.Louis machen sollen. Er ist der Überzeugung, dass wir dieses Unternehmen angehen sollten.
Wir machen uns auf die lange Fahrt nach Lansing. Dabei überqueren wir sogar den Mississippi. Wir hatten auf dem Hinweg gedacht, es sei der Missouri gewesen – da war es aber auch schon längst dunkel.

Schon wieder so ein schöner Fluss.
Einen üblen Beigeschmack haben Werbeschilder am Rande des Highways 55: Dort steht zu lesen: „Guns save lives“ – Schusswaffen retten Leben! Nicht nur in diesen Tagen, da der Heckenschütze von Washington hier das absolute Thema Nummer 1 ist, wirkt dieser Satz so zynisch wie paradox. Das öffentliche Leben in der Hauptstadt ist fast eingefroren, alle hoffen, dass das grausame Treiben bald vorbei ist – aber hier auf dem Land fordert die Waffenlobby weiter fröhlich den Erhalt des „persönlichen Rechts auf Waffenbesitz“.
Wesentlich lustiger ist das Zusammentreffen mit „Elvis“ auf der Toilette einer Raststätte.Terry Williams ist wohl Ende fünfzig, hat die Haare vom King und trägt eine knallbunte Stars-and-Stripes-Lederjacke und spricht uns an:
„Are you a band?“ – „Yes, we are, how did you know?“ – “Well, I just sensed that!”.
Wow, Elvis hat hellseherische Fähigkeiten! Auch, dass wir aus Deutschland kommen, will er schon vorher gefühlt haben. Er ist aber sehr nett, arbeitet im normalen Leben als Gefängnispsychologe des Staates Illinois und tourt in seiner Freizeit als Elvis über die Dörfer. Er drückt uns noch eine Werbebroschüre von sich selbst in die Hand, wünscht uns viel Erfolg und braust davon.
Donnerstag, 17.10. Lansing
Wir haben die zehnstündige Autofahrt von St.Louis nach Lansing noch in den Knochen; ohne Absprache lassen wir das Hotelfrühstück komplett sausen. Was aber nicht weiter schlimm ist, da das Breakfast sowieso in Amerika meistens nicht im Preis inbegriffen und zudem mit komplizierten Verhandlungen mit dem Personal verbunden ist, wie wir schon in Chicago gelernt hatten.Im Holiday Inn Convention Center in Lansing findet eine Konferenz amerikanischer Fremdsprachenlehrer statt; unser abendliches Konzert in einem Saal des Hotels wird vor ca. 200 US-Deutschlehrerinnen und -lehrern stattfinden.
In Lansing ist, verglichen mit einigen anderen Städten auf unserer Tour, nicht gerade der Bär los. Wie überall in den USA und Kanada gibt es aber auch hier natürlich eine Shopping Mall, also eines dieser für europäische Verhältnisse gigantischen Einkaufszentren. Da man hier wirklich nicht allzu viele sinnvolle Alternativen der Freizeitgestaltung hat, machen wir uns auf zu einem ausgedehnten Einkaufsbummel.

Die Jacke ist in Ordnung. Jetzt brauchen wir nur noch ein neues Grinsen.
Ferenc kauft sich, nachdem er sich bei seiner Frau Meike telefonisch die Erlaubnis eingeholt hat, eine Lederjacke; unser Gesanglehrer Erik ebenfalls – allerdings hat er auch niemanden, der ihm das von Deutschland aus verbieten könnte. Die anderen stehen jeweils „beratend“ zur Seite, was den Kaufentschluss jedoch nicht immer beschleunigt. Viele unfähige Modeberater verderben den Brei...
Die schon fast obligatorische Kaffeepause bei „Starbucks“, einer Art Fastfood-Kette für alle erdenklichen Kaffeesorten, lässt uns zu dem Schluss kommen, dass ein paar von diesen Dingern in Köln gar nicht verkehrt wären. Natürlich ist es gemütlicher, sich in ein richtiges Café im Kwartier Lateng zu setzen, aber man hat ja bekanntlich nicht immer Zeit.

Wir würden niemals Schleichwerbung auf unserer Website machen. Auch nicht für richtig guten Schnell-Kaffee.

Glaub' mir, Erik: Selbstportraits sehen immer scheiße aus, auch zu zweit!
Beim Weitershoppen (Schuhe, Jeans, eine Zuckerstange, eine Winterjacke für Sari) werden wir von fast jeder Verkäuferin gefragt, was wir denn für eine Truppe seien. „Oh, you’re a band? You are from Germany? That’s so great!”. Dass sechs in einer fremden Sprache sprechende Herren vormittags gemeinsam Lederjacken kaufen, passiert in Lansing offenbar auch nicht alle Tage. Die Verkäuferinnen sind ohne Ausnahme unglaublich nett. Man könnte fast denken, sie hätten Spaß an ihrem Job, was man in Köln ja eher selten vermutet.

Genug des Konsums. Aber die sozialistische Grundidee ist erhalten geblieben: Zusammen einkaufen für den Weltfrieden.
Am Nachmittag machen wir wieder eine Gesangsprobe unter Eriks Leitung. Der Saal ist sehr groß, so dass wir zunächst befürchten, mit unseren Stimmen nicht ganz durchzukommen.
Aber das Konzert am Abend läuft ausgezeichnet.

Eddi macht irgendwelchen Unfug beim Konzert in Lansing. Aber Eriks Fotos werden langsam besser.
Dän moderiert dieses Konzert komplett in englischer Sprache. Dadurch können auch die Zuschauer, die kein Deutsch können, verstehen, wovon die Songs handeln. Ein Teil des Publikums besteht aus Spanischlehrern, die zunächst einem Flamenco-Gitarristen gelauscht haben. Zu unserer Überraschung sind viele von ihnen auch für unsere Show da geblieben. Hinterher sagen uns viele Zuschauer, sie hätten die Songtexte nicht verstanden, trotzdem aber jede Menge Spaß gehabt.
Wir beschließen den Abend mit einigen der Konzertbesucher an der Hotelbar. Heute Nacht bekommen wir nur drei Stunden Schlaf, denn um 4:30 Uhr müssen wir zum Flughafen. Auf nach New York!
Freitag, 18.10. Lansing/New York
Es hat uns nicht wirklich überrascht, aber dieser Freitag wird tatsächlich zum bislang härtesten der Tour. Am Abend zuvor hatten wir noch ein wenig dem ersten akzeptablen US-Bier, „St.Adam’s Oktoberfest“ (!) zugesprochen; die Hotelbar in Lansing hatte zum Glück gegen 1:00 Uhr geschlossen.Freitagmorgen um 4:30 Uhr treffen wir uns zur Abfahrt. Mit unseren Leihwagen geht es zur Autovermietung nach Detroit, von dort mit dem Shuttle-Bus zum Flughafen. Die Sicherheitskontrollen sind streng. Bei der ausführlichen Durchsuchung, während der wir beinahe im Stehen einschlafen, muss Dän zur Freude der Kollegen sogar seine Schuhe ausziehen.
Der Flug von Detroit nach New York City startet fast pünktlich um 8:30 Uhr. Dän sitzt im Flugzeug neben einem Jason aus Detroit, dem in Deutschland wohl die Frauen zu Füßen liegen würden: Er ist optisch eine Mischung aus Keanu Reeves und Ethan Hawke und geschäftlich unterwegs. Da er nicht gerne fliegt, freut er sich, einen Sitznachbarn zu haben, dem das sehr ähnlich geht. Die rund einstündige Flugzeit wird dementsprechend mit Gesprächen über Flugangst vertrieben. Eddi sitzt eine Reihe davor und programmiert auf seinem Notebook weiter an seinem Mathematik(!)-Spiel, die anderen sind über den Flieger verteilt und pennen.
Der Landeanflug auf La Guardia in New York City bietet für eine kurze Zeit den fantastischen Blick auf die Skyline von Manhattan. Jeden, der sie von früheren New-York-Besuchen oder aus Kinofilmen kennt, muss es wegen der fehlenden Zwillingstürme wohl doch ein wenig frösteln. Vor dem Bodenkontakt ist das Flugzeug dann für ein paar Sekunden scheinbar nur ein paar Meter über dem Hudson River; auch das ein ungewöhnlicher Anblick.
Zwei Taxifahrer, die aus Bangladesh stammen, bringen uns zum Hotel in Manhattan. Einer ist seit zwölf Jahren hier und spricht nahezu perfektes American English. Nachdem er herausgefunden hat, dass wir aus Deutschland kommen, will er alles über „the Autobahn“ wissen, von der er so viel gehört hat. Einmal ohne Tempobegrenzung zu fahren, ist sein großer Traum; dass es bei uns durch Staus, Baustellen und andere Dinge auch längst nicht immer freie Fahrt gibt, will er nicht hören. Der andere kann kein Auto fahren, was in New York offenbar aber auch keine zwingend notwendige Voraussetzung ist, wenn man den Job des Taxifahrers ausüben will: Erik, Sari und Clemens werden mehr durchgeschüttelt als zuvor während des auch schon unruhigen Landeanflugs.
Es ist Mittag, als wir völlig fertig am Hotel ankommen. Eine Pizza in der Nachbarschaft füllt zwar unsere frühstückstechnisch noch jungfräulichen Mägen, aber dass die New Yorker Pizza die beste außerhalb Italiens sein soll, bleibt unbestätigt. Wir scheinen die einzige Pizzabude erwischt zu haben, in der man sich mit dem Pizzabacken schwer tut. Vielleicht sollten Taxifahrer und Pizzabäcker ihre Jobs tauschen.
Zwei Stunden Schlaf sichern, dass wir den Rest des Tages im Wachzustand erleben, denn für 19:00 Uhr ist unser Konzert im Goethe-Institut geplant. Am frühen Nachmittag machen Eddi, Dän, Clemens und Erik sich noch zu einem kurzen Downtown-Bummel auf. Der „Starbucks“-Kaffee auf die Hand erweist sich wieder als hilfreich. Allerdings müssen wir noch lernen, die Pappbecher mit dieser gewissen Lässigkeit zu behandeln, die die New Yorker im Blut haben. Hilfreich wäre dabei vielleicht, wenn wir nicht weiterhin alle begeistert wie die Landeier in den Himmel starren und dabei ständig über Bordsteine stolpern würden.

Erik vor der Carnegie Hall. Uralter Witz:
- "Wie komme ich bitte zur Carnegie Hall?"
- "Üben, üben, üben!"

Am Times Square. Bunt, laut, gut.
Nach Broadway, Carnegie Hall und Times Square wollen wir noch „schnell“ auf das Empire State Building, aber zu viele andere Touristen haben die gleiche Idee, die offensichtlich nicht besonders originell ist. Erst nachdem wir die auch hier sehr strengen Sicherheitskontrollen durchlaufen haben, stellen wir fest, dass die Zeit nicht reicht, und gehen wieder.

Auch das Empire State Building ist hoch. Jedenfalls höher als der Baum im Vordergrund, wenn es auch nicht danach aussieht.
Mit der Metro fahren wir in Richtung Goethe-Institut, steigen am Central Park aus und laufen den Rest durchs Grüne. Vorbei an einer Hochzeitsgesellschaft (mit acht Brautjungfern, denen in ihren identischen, schulterfreien Kleidern offensichtlich nicht gerade heiß ist), Skatern, die auf einem Bein rückwärts durch einen Slalom-Parcours heizen, und schließlich an einem unerwarteten, auf uns gerichteten Wasserstrahl vorbei, der uns jedoch nicht trifft. Ein Fernsehteam einer Art „Candid Camera“ (Versteckte Kamera) für Kinder hat uns dabei gefilmt und fragt, ob es die Szene senden darf. „Klar!“, sagen wir. Das wäre immerhin unser erster Auftritt im amerikanischen Fernsehen.

Am Rande des Central Parks. Am Rande des Urlaubsgefühls.
Das New Yorker Goethe-Institut liegt am Rande des Parks gegenüber des Metropolitan Museums. Wir machen eine Probe mit Erik. Der Saal ist sehr schön; eigentlich nur 110 Leute passen rein (am Abend werden 120 dort sein), und die Akustik ist für ein unplugged-Konzert ausgezeichnet.

Probe im Konzertsaal des New Yorker Goethe-Instituts.
Diesmal singen wir das volle Programm inklusive Pause; die Moderationen erfolgen wieder auf Englisch, was sich als wirksam herausgestellt hat. Erfolgreichste Songs sind diesmal „Sing mal wieder“, „Chocolate Chip Cookies“ und erneut die Britney-Spears-Parodie, bei der ein Teenie-Girl in den vorderen Reihen vor Freude gar nicht weiß, wo es sich lassen soll. Wir verlieren beinahe die Kontrolle über den Song.

Schlussbild von "GoldenEye". Dän wischt sich gerade das aus dem Mund, was sonst im Handmikrofon landet. Uuuääh...

Erik wächst fototechnisch über sich hinaus und erwischt sogar den Moment der Schräglage bei "Baby noch einmal"!
Im Publikum sitzen ansonsten außer einigen Deutschlehrern (eine von ihnen arbeitet für die Vereinten Nationen) auch Auswanderer, die mit deutschsprachiger Kultur in Kontakt bleiben wollen, Studenten, eine Familie, die kürzlich aus beruflichen Gründen hierhin gezogen ist und uns noch vor ein paar Monaten in Deutschland live gesehen hat, Mitarbeiter des Instituts und andere. Wir treffen beim Afterglow nach dem Konzert auch wieder einige Zuschauer, die von den Texten nicht viel verstanden haben können, sich aber trotzdem begeistert zeigen. Zum Beispiel eine sehr nette, ca. 25-jährige New Yorker Fotografiestudentin, die kaum Deutsch spricht, aber durch eine Freundin auf unsere Musik gekommen war. Sie spricht von einer „ganz speziellen, tiefen und auch emotionalen Erfahrung“. Eine ältere Dame sagt: „After finishing this, you love life again!“ – wenn man unsere Show gesehen hat, liebt man das Leben wieder.
Kommt diese Art der Begeisterung daher, dass wir hier noch „besonderer“ sind als daheim, oder liegt es einfach an der offenen Art der Amerikaner? So oder so – wir freuen uns sehr über die Reaktionen des New Yorker Publikums.
Obwohl wir mehrfach zu hören bekommen, dass wir als Nicht-New-Yorker kein Recht hätten, schlafen zu gehen, verschieben wir unser privates Unterhaltungsprogramm auf die kommende Woche, wenn wir noch mal für eine Nacht hier sein werden. Wir sind glücklich, aber platt, und unsere Betten rufen uns in einer Lautstärke, die nicht mehr überhört werden kann.
| Fr., 10.09.2010 | Dortmund |
| Sa., 11.09.2010 | Hanau |
| Sa., 18.09.2010 | Berlin |
| Do., 23.09.2010 | Oldenburg |
| Fr., 24.09.2010 | Bremen |











