Tage der Hektik…Teil II

Was bisher geschah:

Auf ihrer Sommer-Tour fahren Clemens, Sari, Ferenc, Eddi und Dän, fünf Autobahnmatrosen ohne Kapitän, mal wieder durchs ganze Land. Sie sind ständig unterwegs und geraten dabei manchmal dermaßen in Eile, dass es ihnen sogar an Zeit für den Verzehr beruhigenden Knuspergebäcks gebricht. Das führt zu zwischenmenschlichen Spannungen und haarsträubenden Erlebnissen, die sie im Bild festzuhalten versuchen, da die Öffentlichkeit ein Recht auf sachliche Information hat:

Wunderbares Wetter, vormittags immer im Freibad, abends ausverkaufte Konzerte mit geiler Stimmung...die ersten Tage der Tour waren verdammt hart. Unsere Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Aber immer wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt's noch schlimmer: Der Tank ist leer. Wir hatten schon in der Vergangenheit mehrfach gehört, dass das mit dem Tanken in manchen Teilen Süddeutschlands ein ernsthaftes Problem werden kann. Schuld daran ist mit großer Wahrscheinlichkeit die CSU.
Sari erkundigt sich bei einem sehr süddeutsch aussehenden Passanten nach der nächsten Tanke. Um an das Hilfsbereitschaftsgefühl des Mannes zu appelieren, setzt er seinen sächsischen Dialekt und ein freundliches Gesicht auf:


Der Angesprochene mustert Sari, dann unser Autokennzeichen, fragt "Kommt's ihr aus Kottbus?", lächelt höflich und geht weiter.

Wir beschließen, alleine eine Tankstelle zu finden.


Sari, der keine Lust mehr hat, am Lenkrad zu sitzen und sich mit Fußgängern zu unterhalten, kramt aus dem Kofferraum unser Notfallmagazin hervor. Dort steht zwar nichts über Tankstellen in Süddeutschland, aber immerhin ist Saris Gelächter so laut, dass Eddi freiwillig das Steuer übernimmt.


Im Reisebüro, bei dessen optischer Außengestaltung es uns kaum verwundert hätte, wenn man dort Fahrkarten für die deutsche Reichsbahn hätte erwerben können, hat man uns einen hilfreichen Tipp gegeben: "Probiert's mal auf der Autobahn, hehehe!". Gesagt, getan.

Nach einer kurzen Fahrt erreichen wir mit dem letzten Tropfen Benzins unsere erste süddeutsche Tankstelle. Sie ist in Bezug auf Outfit und Sprachstil - im Gegensatz zum Reisebüro - immerhin schon in den frühen Fünfziger Jahren angekommen. Was uns jedoch nachhaltig irritiert, sind die unmissverständlichen Anweisungen für den Tankvorgang:


Aha. Wenigstens im Süden versucht man, neue ökologische Wege zu gehen. Nicht Benzin oder Diesel werden getankt, sondern Lebensmittel.


Sari beobachtet die Tankgewohnheiten der Einheimischen, und tatsächlich: Der LKW-Fahrer im Hintergrund füllt gerade 10 Liter "Jacobs Krönung" (mit Koffein) ein, nimmt einen kräftigen Schluck Diesel aus seiner Plastikflasche und schiebt schließlich noch ein Käse/Schinken-, ein Ei- und ein Thunfischbrötchen in den Tank. Sari wird bei diesem Anblick ganz blümerant.
Wir versuchen, mit drei Bechern "Gala Nr.1" wenigstens das nächste Schwimmbad zu erreichen.


Endlich im Freibad. Wo simma nomma heute? Ach ja, in Heidelberg. Ich informiere meine Freunde: Der höchste Berg der Stadt ist der Heidelberg; er liegt direkt an der Heidel.
Wieder nix mit Entspannung: In schrecklicher Sorge fragen Ferenc und Clemens, warum Saris Knie so entsetzlich angeschwollen ist:


Sari kann die Situation aufklären: Das Knie gehört gar nicht ihm. Jedenfalls nicht unbedingt. Falls doch, habe es etwas mit der Kameraperspektive oder der relativen Mondfeuchtigkeit zu tun. Clemens und Ferenc schlafen ein.
Letzterer hat einen genialen Traum, in dem er eine großartige Erfindung entwickelt:


Die Freisprechanlage fürs Freibad. Möglicherweise werden sich die horrenden UMTS-Zahlungen auf diese Weise für die Firmen doch noch rentieren.
Auch ich würde gerne ein bisschen schlafen, aber Eddi bringt plötzlich wieder Hektik in die Sache: Urplötzlich ruft er feierlich eine Choreografieprobe aus und präsentiert seine Ideen für unseren neuen Song "Wenn sie tanzt":



Wir schauen uns um. Das Heidelberger Freibad ist plötzlich wie ausgestorben. Richtig peinlich ist uns Anderen so was aber schon lange nicht mehr. Dafür ist die ganze Tour bislang einfach viel zu hektisch gewesen. Die Ausnahme: Clemens. Er ist aufgewacht und hat das Finale von Eddis Tanzeinlage (Gesamtdauer: Gefühlte 2h39min.) aus den Augenwinkeln mitbekommen. Aus Scham und Peingefühl beißt er sich in den Unterarm.


Hier lässt der Schmerz bereits nach. Später wird Clemens erzählen, dass dies der schönste Augenblick der gesamten Tour gewesen sei.

Wir brechen zum Konzert im Heidelberger "Karlstorbahnhof" auf. Der ausverkaufte, stimmungsvolle Abend entschädigt uns für die Tank- und Schwimmbadtorturen.
Da der nächste Tag frei ist, beschließen wir, uns die Stadt mal ein bisschen genauer anzusehen. Es soll hier ja ein schönes Schloss geben.


In Heidelberg wimmelt es nur so von Touristen aus aller Herren Länder. Sari bittet darum, dass wir uns outfitmäßig möglichst untouristisch geben sollen, damit in diesem Urlaubergewühl niemand verloren geht. Das leuchtet uns ein. Wir versuchen, uns ein möglichst studentisches Erscheinungsbild zu geben:


Dank dieser perfekten Tarnung verbringen wir einen unbeschwerten Tag in dieser wunderschönen Stadt. Hier ist einfach alles schön, sogar die Schnellrestaurants:


Niemand erkennt, dass wir in Wirklichkeit auch Touristen sind. Und kein anderer Tourist fotografiert ein McDonalds-Restaurant. Und falls doch, stellt er das Bild mit Sicherheit nicht auf seine Homepage.
Glücklicherweise finden wir dann aber doch noch etwas wirklich Fotgrafierenswertes: Das Schloss!


Das ist sie, die Heidel-Burg! Minutenlang stehen wir schweigend zusammen und bewundern voll innerer Rührung dieses prächtige Bauwerk, von dem niemand auch nur ansatzweise sagen kann, wer es zu welcher Zeit und zu welchem Behufe erbaut hat. Jedenfalls niemand von uns. Scheiß-Oberstufenreform!

In meinem bisherigen Tourbericht kommt vielleicht noch nicht vollständig zum Ausdruck, was es mit dem Titel "Tage der Hektik" auf sich hat. Wenn ich mir die Bilder anschaue, könnte ich - mit dem zeitlichen Abstand - beinahe selbst glauben, es sei eine angenehme, erholsame Tour gewesen, ja, fast eine Urlaubsreise!
Dieser Eindruck täuscht. Immer wieder gab es Momente, in denen eine unglaubliche Hektik ausbrach. Ein Beispiel:

Nach unserer kleinen Sightseeing-Tour sitzen wir draußen in einem Café. Alle sind guter Dinge. Plötzlich blicke ich nach links und muss mir Folgendes anschauen:

Eddi hält es für nötig, komische Gesichter zu machen. Warum? Wie lange noch? Bestürzt denke ich über die manchmal sehr wunderlichen Momente meines Kollegen nach. Als ich mit dem Nachdenken fertig bin, sind wir in Freiburg:


Direkt hinter dem Konzertsaal liegt der Freiburger Fluss, er heißt "Dreisam" und ist deutlich kleiner als der Rhein. Dafür gibt es aber auch viel weniger Schiffsverkehr, was den Fluss irgendwie romantisch macht. Ich beschließe, ein Bild für die nächste Fotostory zu machen. Eddi ahnt das und versaut mir mutwillig mein idyllisches Bildmotiv:


Mann, der kann einem manchmal auf die Nerven gehen! Ich übe mich in Nachsicht: Wer im Schwimmbad tanzt und im Café Grimassen schneidet, der stellt sich eben auch mitten in die Dreisam. Notfalls sogar in Schuhen.


Schnell haben wir unsere kleinen Differenzen beigelegt und bereiten uns mental auf das Konzert vor.


Eins ist mir nach der Diskussion mit Eddi klar geworden: In den weißen Adidas-Schuhen werde ich heute Abend nicht auftreten, sie sind vollkommen durchnässt. Habe sie eigentlich sowieso nie leiden können.


Wieder einmal stellt sich die Frage, wann das Konzert eigentlich beginnt. Clemens weiß die Antwort: Nicht, solange unsere Techniker Reinhard und David noch hier draußen sitzen. Wir nennen sie liebevoll "Schnurrbart" und "Co-Schnurrbart". Die beiden sind vor unseren Konzerten - auf dem Bild klar zu erkennen -immer unglaublich hektisch und nervös.


Clemens nutzt die verbleibende Zeit bis zum Konzert für das Fitnesstraining, das er während der Tour entwickelt hat: In Ermangelung eines Studios hat er das Kofferraum-Workout kreiert, das er normalerweise am liebsten auf der Autobahn bei 160 km/h durchführt. Auf dem Parkplatz funktioniert das natürlich auch. Vorteil: Kostenlose Schleichwerbung für unsere Technikfirma "padco".

Nach dem Konzert in Freiburg erleben wir den Tiefpunkt der Tour: Hungrig und vollkommen übermüdet fällt uns auf, dass wir keine Unterkunft gebucht haben!



Eine Nacht im Freien, nix zu essen! Wir erschaudern. Ich verwandle mich in meine eigene Karikatur. Ferenc verliert sein Hörgerät.


Sari bereitet sich auf die Nacht vor. Um den peinlichen Hotelbuchungsfehler zu kaschieren, benennen wir unsere Übernachtung im Freien kurzerhand in "Mahnwache" um und finden sofort eine Handvoll Sympathisanten.


Der Hunger treibt mich zum Äußersten. "Guck mal, da vorne steht Eminem!", schreie ich plötzlich. "Wo denn?", fragt der freundliche Herr neben mir, aber da ist es schon zu spät: Ich habe sein halbes Salzgebäck verschlungen. Nachgespült wird mit der letzten Ration Not-Kölsch aus unserem Kofferraum. Wir schlafen ein.


Nach dieser grauenvollen Nacht geht es gesellschaftlich wieder aufwärts. Plötzlich sind die Menschen in Süddeutschland richtig nett zu uns. In Stuttgart werden wir vom Bürgermeister empfangen. Vor dem Rathaus stehen 50.000 Menschen und jubeln uns zu. Dieser Zwischenfall bringt uns um unsere Mittagspause. Immerhin sind Reinhard und David glücklich.

Es geht weiter nach Würzburg. Diesmal haben wir ein Hotel - sogar ein schönes:


Vor dem Check-In lassen wir uns vor der Nord-Suite fotografieren, in der uns 114 Räume und 86 Bedienstete zur Verfügung stehen. Schade, dass wir nur eine Nacht bleiben...
Würzburg gefällt uns gut, allerdings herrschen hier Sitten wie im Mittelalter:


In Stuttgart noch vom Volk umjubelt, werden wir hier plötzlich und völlig grundlos von der Burg beschossen.


Wir feuern natürlich sofort zurück, lassen aber bewusst Sari an die Touristenkanone (Einwurf: 2,-DM pro Schuss). Niemand wird verletzt, aber die Ritter auf der Burg ergeben sich. Wir entern.


Die Beflaggung der Burg öffnet uns die Augen: Hier wohnt das schöne Burgfräulein Mercedes. Wir beschließen, ein Benefizkonzert für mittelalterliche Jungfrauen zu machen.


Dafür üben wir noch rasch ein paar mittelalterliche Jungfrauenchoräle ein. Es wird eine rauschende Nacht. Der Abschied von der eroberten Burg fällt uns schwer. In einer unteren Halle besuchen wir noch den fantastischen Markt, auf dem es wirklich alles zu kaufen gibt, was das Herz begehrt:


Ferenc geht zum Sklaven-Stand des edlen Junkers Reinhardus...


...und erwirbt einen Sound-Sklaven für schlappe fünfzig Mark.


Es heißt Abschied nehmen von Süddeutschland. Trotz des gigantischen Stresses dieser Tour ist die Stimmung auf dem Rückweg sehr gedrückt. Die Sommerferien stehen bevor. Wir versuchen, nett zueinander zu sein, denn der Volksmund weiß:
"Gefünfteltes Leid ist 1/5 Leid". So klingt unsere Tour dann auch ausgesprochen harmonisch aus:



Kaum in Köln, erreicht uns ein Notruf auf unserem Handy: Wir sollen in der Sendung "Immer wieder sonntags" mit Max Schautzer auftreten. Niemand weiß, warum. Wir brechen sofort auf. Die Sendung wird im Europapark Rust, einem Freizeitpark, aufgezeichnet. Mitwirkende haben freien Zugang zu allen Fahrattraktionen. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit:


Es ist wie so häufig: Sogar bei der Freizeitgestaltung lauern überall Paparazzi. Wir werden gegen unseren Willen auf der Wildwasserbahn fotografiert. Es gelingt uns aber, dem hinterhältigen Fotografen das Bild abzukaufen.


Weiter geht's auf die nächste Achterbahn, die irgendwie komisch ist.


Eddi macht ein tolles Bild mit uns im Spiegel...


...und eins in der Geisterbahn (das ist ein Selbstportrait...).

Unser Auftritt in der Show verläuft dann so, wie Fernsehauftritte eigentlich immer laufen: Hier die chronologische Abfolge:






Nach dem Trocknen gibt es natürlich wieder einen Afterglow. Eddi und Ferenc geben sich kontaktfreudig und lernen jede Menge nette Leute kennen...


...das Fernsehen ist und bleibt doch eine tolle Erfindung!

Ende








 
 
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