Mobbing!

Neue Fotostory: Die WISE GUYS in Norddeutschland!


Musikalisch und konzerttechnisch gesehen hatten wir vom 1.-9.9. eine wunderbare Tour durch Norddeutschland (wenn man das sauerländische Fröndenberg zum Norden zählen will. Wir wollen). Vor allem das Konzerterlebnis im rappelvollen großen Saal der Musikhalle in Hamburg hat uns nachhaltig beeindruckt, aber auch in Kiel, Elmshorn und erstmals in Lübeck ging der Punk ab. Von der im Rheinland immer wieder unterstellten hanseatischen Kühle war weit und breit nichts zu bemerken.

Das Schöne an Norddeutschland ist ja unter anderem die Tatsache, dass man es jederzeit in Windeseile an die Meeresküste schafft. Einige von uns brachten es im Verlauf der Woche auf immerhin drei Strandtage. Ferenc behauptet, ebenfalls an der Nordsee gewesen zu sein. Er schoss sogar ein Beweisfoto,...


...das allerdings wenig Überzeugungskraft besitzt.

Weniger schön an dieser Tour war das traditionelle Mobbing. Es ist im Prinzip psychologisch völlig normal, nachvollziehbar und richtig, dass sich Gruppen mit ungerader Personenzahl, die mehrere Tage zusammen verbringen, einen Einzelnen herauspicken, der die angestauten Agressionen der Mehrheit als Mobbing-Opfer aushalten muss. Auf vergangenen Touren hat uns dieses Prinzip jedes Mal viel Freude bereitet (man denke nur an unsere letzte Nordtour, als wir Eddi mithilfe einer nächtlichen Hypnose dazu brachten, am nächsten Morgen mit dem Gesicht gegen die Treppenstufen des Hotel-Pools zu schwimmen. Was haben wir gelacht...). Das Fatale diesmal: Das erwählte Mobbing-Objekt war ich!

Ich bemerkte zunächst die scheinbar unscheinbaren Kleinigkeiten kaum: Mit unserem Van wollte ich vormittags in die Stadt fahren und hatte das auch ordnungsgemäß angemeldet. Als ich mich ins Auto schwingen wollte, sagte Clemens, das ginge jetzt nicht, er müsse gerade seine tägliche autogene Schiebetürmeditation machen:


Da ich mich bei den WISE GUYS über gar nichts mehr wundere, ging ich zu Fuß in die Stadt.

An einem anderen Tag sagten die anderen Vier, sie wollten mich schick zum Essen einladen. Einfach so.


Dass es dann ausgerechnet McDonalds sein musste, war ja in Anbetracht der Euro-Katastrophe noch nachvollziehbar.


Aber dass Sari wieder sein blödes "Ich singe hier"-T-Shirt trug, musste ich als persönliche Beleidigung auffassen. Ich weiß allerdings nicht, warum.

Aber es kam noch schlimmer: Bei McDonalds gab es im Kinderparadies genau vier von diesen wunderbaren Figuren, die man für ein persönliches Erinnerungsfoto nutzen kann. Unschwer zu erraten, für wen von uns keins übrig blieb:

Clemens als McSpaceTerminator...


...Eddi als "McNoAngel"...


...Sari als McUrmel...


...und Ferenc als er selbst. Mich hingegen...


...stießen die anderen herzlos und unter höhnischem Gelächter von der Riesenrutsche, als ich einen Moment lang nicht aufgepasst hatte. Von diesem Moment an war mir völlig klar, wie der Hase läuft. Dass ich den Lauf der Mobbing-Dinge nicht würde aufhalten können, stand außer Frage. Ich beschloss, mich in mein Schicksal zu fügen.

Sogar alltägliche Tour-Abläufe wie der tägliche Soundcheck wurden mir massiv erschwert. Clemens sagte in Elmshorn, ich könne den Handsender für das Mundschlagzeug heute nicht ausprobieren, da er die Bühne selbst benötige...


...für seine präkonzertante Bühnenmeditation. Geschenkt. Ich begab mich in den Backstagebereich, um mich bei Eddi über Clemens' Verhalten zu beschweren.


Aber von Eddi war keine Unterstützung zu erwarten. Er sagte kühl, Ferenc sei sein neuer Liebling...


...und außerdem habe er sowieso nichts gesehen.


Vor dem Konzert in Elmshorn hatten wir einen Interviewtermin mit einem Lokalsender. Ich durfte lediglich Fotos machen. Der Moderator war ein freundlicher, etwas älterer Herr, der leider die unangenehme Eigenschaft besaß, als Einziger lauthals über seine eigenen Fragen zu lachen...


...was zur einen oder anderen peinlichen Situation führte. Das Interview endete schließlich...


...in der totalen Sprachlosigkeit.


Auch die Afterglows waren für mich nur schwer zu ertragen: Angestachelt von Eddi hatte David (rechts) von unserer Technik-Crew im Lokal dafür gesorgt, dass die Kellnerin mir immer nur leere Cocktailgläser mit geknickten Strohhalmen servierte, und freute sich diebisch über meine Reklamationen. Mehr Spaß hatten Clemens und Ferenc, die sich ein neues Spiel ausgedacht hatten: Das "Debil-Armdrücken":


Man sitzt sich wie beim normalen Armdrücken gegenüber. Allerdings muss man sich vor dem eigentlichen Wettkampf eine Minute lang möglichst debil angrinsen, ohne sein Gegenüber los zu lassen.


Dann versucht man, seinen eigenen Handrücken...


...möglichst schnell flach auf die Tischoberfläche zu bringen. Ferenc gewinnt.

Was für ein langweiliger Afterglow! Aber das Mobbing gegen mich setzt sich auch im Hotel fort:


Auf dem unheimlichen Hotelflur muss ich jederzeit damit rechnen,...


...dass einer meiner geschätzten Freunde in einem Hinterhalt lauert, aus dem er plötzlich hervorspringt und ganz laut "Buh!" macht, um mich zu erschrecken. Zum Beispiel der Sari.
In dieser Nacht werde ich von schrecklichen Albträumen geplagt:


Eddi erscheint mir als fanatisierter religiöser Guru, der pseudo-mexikanische Stimmungslieder denkt. Einer der Refrains lautet:
"Dein Glück heißt Travemünde/ Das ist doch keine Sünde/ Drum brich noch auf zur Stünde / Das sieht doch jeder Blünde!".
Völlig verstört wache ich auf und beschließe, den Tag allein am Strand von Travemünde zu verbringen.


Es ist wunderschön am Strand von Travemünde: Möwen, Goldsucher und meterhohe Wellen. Ein Gefühl wie Urlaub! Nachdem ich eine Runde geschwommen bin, fehlt mir zur völligen Zufriedenheit nur noch ein Strandkorb. Da der Eintritt zum Strand frei war, gönne ich mir für nur 4,- Euro Miete einen Korb mit dem Rücken zum Wasser.


Damit hätte ich rechnen müssen. Der Strandkorb ist besetzt. Eddi hatte die gesamte Aktion eingefädelt; auch mein vermeintlicher Albtraum war inszeniert. Ich mache gute Miene zum bösen Spiel und schlage vor, dass wir uns den Strandkorb teilen. Zu meiner Verblüffung ist Eddi einverstanden. Ein böser Fehler:


Völlig überraschend werden wir von unserer Technikcrew überfallen und eingesperrt. David, Patrick ("Karsten") und Dr.Klose rächen sich für die ständigen blöden Sprüche, die wir während der Konzerte auf der Bühne gemacht hatten. Wir sitzen rund drei Stunden fest...


...und werden von unseren Technikern aus dem gegenüberliegenden Strandkorb mit einem nicht enden wollenden Vortrag über die technischen Details unserer Sound- und Lichtanlage gefoltert. Vielleicht haben wir es nicht anders verdient. Ein total mißlungener Strandtag!


Eddi nervt auch nach unserer Freilassung. Er nörgelt über einen Flecken auf seinem neuen T-Shirt. Wir fahren zum Hotel zurück.


Entspannung finde ich bei einem Blick aus meinem Hotelzimmer. Anderen Leuten geht es viel schlimmer als mir: Im Hafen liegt ein Mississippi-Dampfer. Es ist unbegreiflich, in welchen Nussschalen sich manche Menschen auf den Weg nach Amerika machen.

Da wir einen freien Tag haben, beschließen wir am Abend, noch ein paar Euro dazu zu verdienen. In der Zeitung hatten wir gelesen, dass das Theaterstück "Warten auf Godot" am Bochumer Schauspielhaus ein großer Publikumserfolg gewesen sein soll. Wir setzen eine Aufführung des selben Stücks in einem kleinen Kieler Theater an. Als besonderen Anreiz inszenieren wir den Abend in vier Sprachen gleichzeitig: Deutsch, Englisch, Französisch und in Eifeler Platt.


Die Aufführung. Das Bühnenbild ist schlicht. Wir haben fünf Sofas aus der Hotellobby auf der Bühne platziert. Um die quälende Länge des Wartens auf Godot (der ja nie erscheinen soll) dramatisch zu überspitzen, dehnen wir die Inszenierung auf 4:19 Stunden Gesamtspielzeit aus.


Der Clou unserer multilingualen Version: Wir haben sämtliche Textpassagen gestrichen. Die wirren Dialoge haben wir lediglich ins Programmheft gedruckt, dass wir dem Publikum jedoch bewusst nicht aushändigen.

Die Jungs werden freundlicher zu mir: Ich darf eine kleine Nebenrolle spielen...


...allerdings nur neben der Bühne.


Provozierend auch die Szene, in der Clemens die Arie der "Königin der Nacht" vorträgt: Playback, aber ohne Musik. Also quasi völlig a-cappella. Kein Ton zu hören.


Einer weiterer Höhepunkt unserer Inszenierung ist die Szene mit dem Fernsehgerät, das defekt ist. Godot soll es reparieren, aber das wird natürlich ebenfalls verschwiegen. Schade, dass außer unseren Technikern kein Schwein gekommen ist. Wir haben nämlich das Ende des Stückes schonungslos umgearbeitet:


Godot erscheint doch, und zwar in einer Straßenbahn, die in Sekundenbruchteilen über die Bühne heizt. Im Vorbeifahren wirft er König Lear aus dem Zug, dann isser wieder weg.


Die Vorstellung ist vorbei. Überglücklich nehmen wir den eher matten Applaus von Dr.Klose, David und Patrick ("Carsten") entgegen.


Die Theateraufführung hat mir eine kleine Mobbingpause verschafft. Zu meinem großen Glück verlängert sich diese Schonfrist noch, als Dr.Klose eine sensationelle Entdeckung macht, die meine herzlosen Kollegen für eine Weile beschäftigen dürfte.


Endlich ein paar Minuten Frieden. Das Schlimmste dürfte überstanden sein. Eddi und Sari haben mir versprochen, mir einen Schluck Wasser vom Catering mitzubringen. Offensichtlich wollen die beiden...


...mit mir Frieden schließen,...


...denn nicht nur Eddi,...


...der als erster an meinen Wasserwunsch gedacht hatte,...


...sondern auch Sari...


...sorgt für ausreichend Erfrischung. "Nie vordergründig und platt, sondern immer fein und intelligent ist der Humor der WISE GUYS", hat mal irgendein Kritiker geschrieben, "sie können über sich selbst lachen!".


Absolut korrekt. In allen Punkten.


Eddi hat noch einen besonderen Vorschlag für die abendliche Moderation des Abschlusskonzerts in Kiel...


...die er sofort feinsinnig...


...in die Tat umsetzt. Überraschende Hilfe erhalte ich von unserem Lichttechniker (Light-Designer) Patrick ("Carlsson"),...


...der die in der Hausordnung vorgesehene Bestrafung für Missbrauch strikt befolgt. Eddi hat seine Lektion gelernt.


Er ruft nur noch schnell bei seiner Reinigung an, weil er einen Fleck auf seinem neuen T-Shirt entdeckt hat...


...und reitet dann friedlich...


...zum Hotel zurück. Am nächsten Morgen schließlich fahren wir wieder nach Köln, und das Mobbing hat ein Ende:


Die Fahrt durch halb Deutschland ist geprägt von Harmonie und Fröhlichkeit....


...von ein paar farblichen Katastrophen abgesehen.

Ende




 
 
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